Siemens und SAP

Einschätzung der Kooperation von Prof. Dr. Jörg W. Fischer aus fachlicher Perspektive. Die Frage ist, wie die Verbindung zwischen einem PLM-System und ERP-System zukünftig realisiert wird und werden sollte. Diese Frage muss man sowohl auf der Ebene Informationsobjekt beantworten als auch auf Strukturebene.

Siemens und SAP eine Einschätzung der Kooperation von Prof. Dr. Jörg W. Fischer aus fachlicher Perspektive.

Insbesondere für die europäische Industrie freut es mich sehr, dass diese beiden großartigen Unternehmen nun mit dem Ziel kooperieren, durchgängige Digitalisierungslösungen anbieten zu können. Das ist eines der interessantesten und besten Dinge, die passieren konnten.

Für die Kunden kann das einzigartig werden. Dafür muss jedoch die methodisch, technische Integration stimmen. Daher möchte ich das Thema hier aus dieser Sicht erläutern.

Die Frage ist, wie die Verbindung zwischen einem PLM-System und ERP-System zukünftig realisiert wird und werden sollte.

Diese Frage muss man sowohl auf der Ebene Informationsobjekt beantworten als auch auf Strukturebene. Auf Informationsobjektebene stellt sich die Frage, welcher Objekttyp wo gehalten wird und wer wann den Master dafür hat. Dabei geht es konkret um die Typen CAx-Dokument und Material. Auf der Strukturebene stellt sich die Frage, welche der zentralen Strukturen CAD-BOM, EBOM oder MBOM synchronisiert werden und wo der jeweilige Master liegt. Themen wie Konfiguration und die Notwendigkeit einer einheitlichen Konfigurations-Engine, Arbeitsplan, Montageanleitung, NC-Programmversorgung, die Digitalen Zwillinge as deliverd und as maintained sowie Servicebom weglassen, gibt es im Wesentlichen zwei Integrationsszenarien.

Szenario I:

Das PLM-System fungiert als Managementsystem zur Dokumentdatenablage und zum Lifecyceln der Daten der Authoringsysteme. Die Materialentstehung und die Reifegradentwicklung des Materials finden dann im ERP statt. In diesem Szenario wäre das Erstellen und Halten der EBOM im PLM in der frühen Phase der Entwicklung möglich.

Szenario II:

Wie Szenario I wobei zusätzliche EBOM und alle werksspezifischen MBOM’s im PLM entstehen und von dort voll ins ERP synchronisiert werden. Die Struktur- und Reifegradentwicklung des Materials findet im PLM statt, die Pflege der Attributierung ist dann aufgrund der vollen Synchronität zwischen den Systemen in beiden Systemen jederzeit möglich.

Szenario I ist das, was sich heute zwischen ERP und den meisten PLM-Systemen gut implementieren lässt. PLM würde dabei allerdings nicht als PLM agieren, sondern lediglich als PDM/TDM System. In Wirklichkeit wäre dann die PLM Schicht im ERP und würde auf den heute vorhandenen Datenmodell und Funktionen von SAP ERP basieren.

Das Szenario I hat jedoch den entscheidenden Nachteil, dass genau die Mehrwerte, die man durch die Kooperation ja erreichen will, nicht erreicht werden können. Das liegt darin begründet, dass PLM in diesem Szenario von den Downstreamänderungen der Werke abgekoppelt wäre und die Idee des Digital Threads bzw. der Feedbackloop Ansatz nicht funktionieren würde.

Szenario II ist aus meiner Sicht die unbedingt zu wählende Option. Es ist aber auch der Königsfall im Hinblick auf die technische Umsetzung in den PLM-Systemen.

Wie schon erwähnt, ist hier das zugrundeliegende Problem, dass alle heutige PLM-Systeme die ja von PDM-Systemen abstammen mit Material nicht so gut umgehen können. Ich weiß, einige unserer Leser werden einwenden, dass PLM-Systeme sehr wohl den Objekttyp Part oder Material haben und damit Material kennen. Diejenigen, die sich tiefer mit der Materie beschäftigen, wissen jedoch, dass es an dieser Stelle eine Reihe von Fragezeichen gibt, die ich hier nicht weiter darlegen möchte.

Die eigentliche Hürde ist die mangelnde Fähigkeit der meisten heutigen PLM-Systeme, Werksichten des Materials, Werksstücklisten und Stücklistenverwendungen abzubilden. Ein ERP das unterschiedliche Werke abbildet kann das natürlich.

Etwas vergleichbares in PLM-Systemen mit Bordmitteln bei einer Implementierung aufzubauen ist zwar möglich, jedoch muss man dann mit durchaus schmerzlichen Einschränkungen leben. Meistens wird hierfür auf Partebene der Revisionsmechanismus genutzt. Dies widerspricht jedoch der eigentlichen Einsatzintension dieses Mechanismus und wirkt sich daher oft sehr störend auf die Implementierung aus. Dadurch droht dann jederzeit Gefahr, dass bei kleineren Erweiterungen des PLM das stark angepasste Datenmodell auseinanderfliegt und quasi das Tor zur Hölle aufgeht.

Um hier zukünftig echte Abhilfe zu schaffen, wird es notwendig sein, tief in den Datenmodellen der PLM-Systeme grundlegende Änderungen einzubauen, so dass auch dort echte persistierbare Werkssichten abgebildet werden können.

Das ist aus meiner Perspektive eine Hausaufgabe an alle PLM-Anbieter auf dem Markt. Ich denke der PLM-Anbieter, der es zuerst löst und damit eine volle Synchronität von EBOM und den MBOM’s zwischen PLM und ERP etablieren kann, schafft sich eine ausgezeichnete Marktposition.

Wenn es diesem Anbieter darüber hinaus noch gelingt, den Kunden die Notwendigkeit und den Mehrwert, der sich daraus ergibt, nahezubringen, hat er große Chancen auf einen durchschlagenden Markterfolg.

Wenn Siemens das gemeinsam mit SAP in dieser Tiefe angeht, würde mich das sehr begeistern. Das wäre ein großer vermutlich auch der entscheidende Schritt in die Richtung Digitalisierung.

Den ursprünglichen Artikel finden Sie im PLM-Blog von Christoph Golinski.

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